#JOURNEY - WESTERN SAHARA, 2.TEIL

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Inzwischen dauerte unsere Reise ab Berlin gut 17 Stunden. Kurz vor Mitternacht erreichten wir den Flughafen von Tindouf in Algerien. Die Kontrollen am Flughafen waren nervenaufreibend und erst nach einer Stunde Wartezeit ging es weiter. In alten Bussen und begleitet von Militärfahrzeugen fuhren wir weitere zwei Stunden durch die Wüste ehe wir das Flüchtlingslager in Smara erreichten. Erschöpft wurden wir von unseren Gastfamilien in Empfang genommen und suchten im Gewirr von Menschen unser Gepäck zusammen. Geleitet von unserer Gastmutter liefen wir durch die Dunkelheit bis wir unser Zuhause für die nächsten Tage erreichten.

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Trotz der Sprachbarriere wurden wir herzlich von Hamdi, Noeniha und ihren fünf Kindern empfangen. Die Atmosphäre war sehr freundlich und offenherzig, nicht zuletzt der Kinder wegen. Für sie war unser Besuch besonders spannend und das mitgebrachte Memory-Spiel wurde schnell zur Lieblingsbeschäftigung. Die Tage bis zum Wettkampf waren vollgepackt mit Renn-Registrierung, Renn-Meetings, aber auch mit entspanntem Beisammensein mit Freunden und der Gastfamilie.

Am dritten Tag ging es endlich los. Nach dem Frühstück fuhren wir der langsam aufgehenden Sonne entgegen. Der Start des Marathons befand sich in einem anderen Flüchtlingslager. Sven war von nun an vollkommen in seinem Element, hochkonzentriert und gespannt zugleich.

Nach seinem Zieleinlauf hatten wir die Chance, ihn zu seinem Lauf und seinem Abenteuer in der West Sahara zu befragen.

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Sven, du hast gerade den Sahara Marathon beendet. Wie war es?

Ich bin immer noch total gebannt. Das war einer der Verrücktesten Läufe, an denen ich je teilgenommen habe. Am Start wurde ich von Saharauis angesteckt, welche gleich losrannten wie die Verrückten. Nach den ersten Kilometern dachte ich mir dann allerdings, dass eine etwas konservativere Taktik wohl klüger wäre. Bei Kilometer 12 wurde mir dann wirklich bewusst, wie hart dieser Tag werden würde. Die Temperaturen waren im Grunde genommen erträglich, aber der Untergrund wurde zunehmend schwieriger. Dazu kam der feine Wüstensand in der Luft. Zwischen Kilometer 21 und 35 wurde es dann richtig anstrengend, als wir eine Düne nach der anderen erklimmen mussten. Das ständige Auf und Ab raubte mir die letzten Energiereserven. Aber ich sage immer, dass man die erste Hälfte mit Kopf und Körper läuft und die zweite Hälfte mit Herz und Seele. Und so war es auch dieses Mal.

Als ich die 12-Kilometer-Markierung überquerte lag ich auf Position 16 und musste mein Tempo reduzieren. Glücklicherweise ging es den anderen Läufern ähnlich. Manche wurden sogar noch langsamer und ich konnte mich allmählich nach vorne arbeiten. Das war gerade auf den letzten 10 Kilometern noch eine zusätzliche Motivation. Die Ziellinie habe ich nach 3:24 Std. auf Position 5 überquert.

Die Temperaturen in der Wüste lagen bei 30°C. Wie hat das deinen Lauf beeinflusst?

Die Temperaturen waren nicht die grösste Hürde. Es wehte beständig ein leichter Wind, der das Laufen eigentlich ganz angenehm machte. Allerdings wirbelte er zugleich feinsten Wüstensand auf, welcher sich unangenehm in Mund und Nase ablagerte. Die grösste Herausforderung war allerdings der schwierige und ständig wechselnde Untergrund. Am Anfang liefen wir auf asphaltierter Strasse, was recht angenehm war. Danach ging es allerdings in die Wüste und wir liefen fortan auf Sand, steinigem Untergrund und durch weiche Dünen. Das hat unser Tempo automatisch reduziert.

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Wie war die Unterstützung während des Rennens?

Insgesamt haben wir zwei Camps passiert, wo uns die Einheimischen lautstark anfeuerten. Das war super! Die Kinder rannten für einige Meter mit. Aber schlussendlich war man während des Rennens die meiste Zeit mit sich und der Wüste allein. Ich war sehr froh, dass ich mental gut vorbereitet war.

Wie hast du dich gefühlt, als du im Ziel in Smara angekommen bist?

Im ersten Moment freute ich mich, als ich an der Stadtgrenze ankam. Dann folgte allerdings ziemlich schnell die Ernüchterung als ich feststellte, dass ich vor dem Zieleinlauf erst noch 5 Kilometer um das Camp herum laufen musste. Auf der Hauptstrasse Richtung Ziel zu laufen, war dann ein grossartiges Gefühl. Die vielen Leute am Strassenrand feuerten mich an, Kinder liefen mit mir mit und ich war überglücklich, als ich endlich das Ziel erreichte.

Wie hast du die Zeit nach dem Rennen verbracht?

Nach dem Marathon verbrachten wir weitere drei Tage mit unserer Gastfamilie und erfuhren mehr über die Kultur der Saharauis, dem Stellenwert der Familie und die täglichen Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Nach und nach wurde uns bewusst, dass wir wahrscheinlich viel mehr von den Saharuis gelernt haben als sie von uns. Bevor wir das Camp wieder verliessen, haben wir die Zeit genutzt um unsere Erfahrungen noch einmal Revue passieren zu lassen.

Wie waren die letzten fünf Tage in der westlichen Sahara für dich?

Die letzten Tage und Stunden haben mich sehr berührt. Ich freue mich wahnsinnig auf meine Familie zu Hause, dennoch bin ich ein bisschen traurig, gehen zu müssen. Die letzten Tage waren sehr intensiv und voller neuer Eindrücke. Meine Gastfamilie hier hat mich herzlich aufgenommen und vollkommen in ihr tägliches Leben integriert. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Und natürlich bin ich auch stolz auf das, was ich während des Marathons erreicht habe.

Wie hast du den Alltag der Saharauis erlebt?

Wenn man aus einer Grossstadt wie Berlin kommt, sind die ersten Tage in der Sahara eine riesige Umstellung. Zu Hause ist man immer unter Strom – Meetings, E-Mails, ständige Erreichbarkeit. Hier ist das komplette Gegenteil der Fall. Die Menschen führen ein sehr einfaches Leben. Kein fliessendes Wasser, Strom ist Luxus und alles ist sehr bescheiden gehalten. Am Ende ist es aber genau das, was einem die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben gibt: Familie und Freunde. Als ich hier ankam, hat mir meine Gastfamilie nicht nur eine Unterkunft angeboten. Sie gaben mir einen Platz in ihrem Herzen. Nach fast einer Woche fühle ich mich bereits als fester Bestandteil der Familie. Das macht mich stolz und gibt dieser Reise einen ganz besonderen Wert.

Auch die Einstellung der Saharauis hat mich beeindruckt. Die Menschen hier leben seit rund 35 Jahren in diesem Flüchtlingslager, viele von ihnen haben den Krieg miterlebt und sind trotzdem sehr offenherzig. Sie haben eine bemerkenswerte Einstellung zu Frieden, Menschenrechten und Gleichberechtigung.

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Wie sieht das tägliche Leben in der Wüste aus?

Als ich hier ankam war das wie ein totaler „Shut-down“ für mich. Am Anfang hatte ich noch permanent das Gefühl, auf irgendetwas zu warten. Aber schon bald habe ich begriffen, dass es nicht Warten ist, sondern einfach Zeit für einander nehmen. Zeit für die Familie, Zeit für Freunde, Zeit um Tee zu trinken – und ich habe viel Tee getrunken (lacht). Tatsächlich hat Tee trinken hier einen sehr hohen Stellenwert. Es ist ein Zeichen dafür, dass man sich Zeit für seine Gäste nimmt und sie willkommen heisst. Dieses Ritual kann dann durchaus ein bis zwei Stunden in Anspruch nehmen. Darüber hinaus ist das Leben hier sehr bescheiden. Nicht jeder hat eine Lehmhütte, Wasser ist ein beschränktes Gut und Elektrizität ist purer Luxus. Arbeit gibt es nur wenig. Aber die Menschen bemühen sich immer darum, ihre Lebensumstände irgendwie zu verbessern. Jene, die die Möglichkeit haben gehen ins Ausland um zu studieren und kehren irgendwann zurück, um das angeeignete Wissen in ihrer Heimat anzuwenden. Das finde ich sehr bewundernswert.

Wenn du auf die sportliche Seite deiner Reise zurück blickst, wie würdest du deine Erfahrungen zusammenfassen?

Von Anfang an war diese Reise etwas ganz Besonderes. Normalerweise verbringt man die letzten Tage vor einem Marathon zu Hause oder in einem Hotel, wo man sich mental auf das Rennen vorbereitet. Hier in der Sahara musste ich erst ankommen und mich an die Gegebenheiten gewöhnen: Die sanitären Einrichtungen, das Schlafen auf Sitzkissen bzw. dem Boden und zu fünft in einem Raum - es war die aussergewöhnlichste Rennvorbereitung, die ich bisher erlebt habe. Auch der Marathon selbst war völliges Neuland für mich, da ich noch nie zuvor in der Wüste gelaufen bin. Dazu kam die Hitze, der Wind, überall Sand und unterschiedlichster Untergrund. Aber all diese Herausforderungen haben meine Reise in die Sahara für mich so einmalig gemacht. Und natürlich bin ich mit meinem 5. Platz auch sehr zufrieden.

Am Ende waren wir alle zutiefst berührt von den Erfahrungen, welche wir während der fünf Tage gemacht haben. Als wir uns auf den Weg zurück nach Europa machten, waren wir in Gedanken immer noch bei unserer Gastfamilie. Dank den vielen Teilnehmern am Wettkampf und der Organisation der SAHARA MARATHON ORG. konnten die Einwohner des Flüchtlingslagers unterstützt und während unseres Aufenthaltes verschiedenste Hilfsprojekte angestossen werden.

Sven Henkes absolvierte den Sahara Marathon in der Running Short Muscle Force Vis. Um mehr darüber zu erfahren, klicke hier.