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2 Backpackerinnen auf Abenteuer - Wie alles anfing

1 May 2017

FÜR JUSTYNA

Die Idee packte mich erstmals auf einem Flug nach Indien. Ich schaute mir „WILD“ an und – wie es wohl den meisten Zuschauerinnen erging – hatte ich den Wunsch, einmal im Leben selbst so ein Abenteuer wie Cheryl Strayed auf dem Pacific Crest Trail zu erleben.

Doch damals hörte sich Kalifornien noch unheimlich fremd an. Ich war bereits mehrmals nach Indien gereist, so kam mir Asien vertraut vor, die USA hingegen überhaupt nicht. Einige Jahre später wurde das, was zuvor noch unmöglich schien, Realität: Ich reiste nach Kalifornien. Und als ich die Umgebung vor Ort auskundschaftete, war ich von der Natur und dem allgegenwärtigen Freiheitsgefühl überwältigt.

Ich schnappte mir eine Ausgabe von Cheryls Buch und das Datenbuch des Pacific Crest Trails (PCT Data Book) bei REI … Ich schmökerte, träumte und plante. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Rein realistisch war mir klar, dass ich nicht gleich den ganzen Trail durchwandern konnte. Ich verbrachte bereits so alle vier Monate zwei Monate getrennt von meinem Freund, da dachte ich mir schon, dass ich ihm nicht einfach sagen konnte, dass ich mal sechs Monate lang verschwinde. Ich war schon immer ein Fan von John Muirs Weisheit und bei meiner Erkundung der kalifornischen Natur begegnete ich seinem Einfluss an jedem Ort, an dem es mir die Sprache verschlug. Als ich mehr über seine Arbeit und Backpacking-Inspiration erfuhr, stieß ich auf den John Muir Trail. Und sofort wusste ich: Das ist es! Ein Trail, der vom Mount Whitney bis durch das Yosemite Valley reichte, wo ich in dem Sommer sowieso klettern gehen wollte. Die Idee gefiel mir auf Anhieb.

Über die Begleitung musste ich mir nicht lange den Kopf zerbrechen. Ich kannte Erica von Indien, wir hatten denselben Yogalehrer. Die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, war immer sehr angenehm und als ich nach Kalifornien kam, brachte sie mir den Bay Area Slang bei und wir schauten uns zusammen die Sonnenuntergänge über San Francisco an.

Erica hat eine unglaubliche Persönlichkeit. Sie kann morgens um 6 Uhr ganz spontan in meinem Yogakurs auftauchen, mit strahlenden Augen und einer verstaubten Yogamatte, da sie gerade von einem zweiwöchigen Trip durch Wälder und Nationalparks zurückkommt. Sie ist auch schon mit meinem Freund und mir zu einem dreiwöchigen Kletterabenteuer im Yosemite Park mitgekommen, wo wir Kletterrouten, gemütliche Abendessen und Wiesen für unsere Yogasessions teilten.

Gemeinsam kontaktierten wir Odlo, trugen den Sommer 2017 als Datum in unsere Kalender ein und sammelten allerlei Informationen aus Büchern, Karten und Apps. Ganz ehrlich ist das ein ständiger Lernprozess. Alles ist neu und unbekannt und gerade deshalb so spannend.

Die Beantragung des Trail Permit für unsere Reise und die darauffolgende Wartezeit waren nervenaufreibend. Jeden Abend erhielten wir per E-Mail eine Absage. Nach drei Wochen beantragten wir schließlich einen anderen Permit (NOBO), mit dem wir von Whitney starten und nördlich wandern können, statt umgekehrt in Yosemite anzufangen und dann gegen Süden zu wandern. Das ist weniger üblich, da man dabei gleich am Anfang den steilen Aufstieg auf den höchsten Gipfel Kaliforniens (elfthöchster in den US und 24. in GANZ Nordamerika!) in Angriff nehmen muss. Aber wir sind bereit für die Herausforderung.

Justyna

Zu diesem Zeitpunkt haben wir fast die gesamte Ausrüstung beisammen. Wir besprechen Essensfragen. Und Getränke… Das geht etwa so:

 

Erica: Das ist jetzt vielleicht ab vom Thema aber – nehmen wir Kaffee mit für den Trail?!
Oder sparen wir uns das Gewicht und gehen auf Entzug?!
Justyna: Ok, nur dass das klar ist: Wir nehmen haufenweise Kaffee mit. Und viel Whisky.
Erica: Haha, super! Kaffee & Whisky. Absolute Wellness. Du bist spitze!

 

Was mich nun am meisten beschäftigt, ist, wie zum Henker wir alles Notwendige tragen und auf Dinge verzichten können, die wir nur vermeintlich brauchen oder auf die wir später womöglich Heißhunger haben werden. Gott sei Dank gibt es dafür Blogs!

Erica und ich haben aufgrund der Zeitverschiebung gegensätzliche Tagesabläufe. Wenn ich aufwache, geht Erica gerade zu Bett und während sie wach ist, bin ich kaum in der Lage, einen gescheiten Gedanken zu fassen. Sie bereitet sich am Pazifik vor, ich versuche in den Schweizer Alpen in Form zu kommen. Ich arbeite oft im Ausland und erhielt genau zum rechten Zeitpunkt das Angebot, in der Schweiz zu unterrichten. Der perfekte Ort im Frühling, um mich für diese Herausforderung im Sommer vorzubereiten.

FÜR ERICA

Erica

Die ersten drei Monate des Jahres verbrachte ich in Mysore, in Indien, als Schülerin von Paramguru Sharath Jois. Jeden Tag stand ich um 2 Uhr in der Früh auf, badete, schluckte meinen Kaffee hinunter und begann um 3.30 Uhr mit dem Yogaunterricht. Ein paar schweißtreibende Stunden lang hüpfte ich dann auf Händen und Füssen umher und wickelte meine Beine um meinen Kopf – manchmal sogar alles auf einmal.

Als ich Indien wieder verließ, war ich zwar topfit, was Yoga anbelangt, doch meine Wanderbeine waren butterweich. Am 1. April landete ich in den USA, im Gepäck ganz viel Ungewissheit – ich hatte keine Wohnung und keinen Job, der mich an einen bestimmten Ort binden würde. Ich reiste sechs Wochen lang umher, praktizierte Yoga in den kleinsten Ecken bei Freunden zu Hause, auf einem freigeräumten Stück Erde unter einem Baum oder wo auch immer ich meine Yogamatte ausrollen konnte. Mitte Mai landete ich dann in Los Angeles – oder besser, meine wenigen Habseligkeiten landeten in L.A.

Ich stapelte mein Hab und Gut in meiner neuen Garage und fuhr der Küste entlang hoch bis nach Morro Bay, wo ich eine Mysore-Vertretung für eine Freundin übernahm, die auf Hochzeitsreise ist.

Nur drei Monate bevor ich mich mit Justyna auf den John Muir Trail wage, ist das eine ideale Beschäftigung. Als Justy mir schrieb, dass sie einen Tag lang in den Alpen wandern ging, wusste ich, dass auch ich endlich auf den Trail gehörte. So begann mein offizielles JMT-Training in einem kleinen Dorf am Meer.

Am ersten Tag wanderte ich ein paar läppische Kilometer, kletterte mit Brennnesseln gesäumte Wege hinauf, um eine bessere Aussicht zu haben und war so erschöpft, dass ich beinahe rückwärts den Berg hinuntergefallen wäre. Doch der Adrenalinstoß auf dem Gipfel, die frische Meeresbrise, die meine Lungen füllte und die mit vertrauten Wildblumen übersäten Felder – das brachte mich wieder in Schwung! Ich gehe die Vorbereitung langsam an mit Jogging-Sessions der Küste entlang und einigen Ausflügen zu den Gipfeln der kalifornischen Central Coast. Meine Wanderschuhe laufe ich langsam und kreativ ein und ich profitiere vom Sommerschlussverkauf, um einige wichtige Elemente meiner Campingausrüstung zu kaufen.

Mein Wecker klingelt um 5 Uhr. Ich zögere das Aufstehen meist bis 5:08 Uhr hinaus, dann setze ich Wasser auf, bade, trinke Tee und meditiere. Von 6 bis 9 Uhr unterrichte ich, dann jogge ich bis Mittag der Küste entlang. Nach dem Essen widme ich mich meinem Computer. Ich verbringe meine Tage damit, einen Lehrplan für eine NGO zu schreiben, um traumasensitives Yoga für inhaftierte Teenagerinnen und Mädchen in Randgruppen anzubieten. Mit meinem Partner möchte ich in Los Angeles außerdem eine neue Yogaschule gründen, das erfordert viel Aufmerksamkeit und sorgfältige Arbeit. Um 16 Uhr schaut die Sonne hinter den Nebelschwaden hervor und ich lege meine Yogamatte an einem sonnigen Plätzchen nieder. Nach dem Yoga kommt auch der Nebel wieder und ich kann nochmal kurz der Küste entlanglaufen. Dann fängt das Programm wieder von vorne an. Mein Geist ist schon ganz benommen von so viel Energie!