PERSÖNLICH - SVEN HENKES

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Sven Henkes ist 35 Jahre alt und lebt in Berlin. Vor kurzem hat er am Polar Bear Marathon im kanadischen Churchill teilgenommen, den er als Sieger beendete. Die in der Provinz Manitoba gelegene Stadt Churchill wird auch "Welthauptstadt der Eisbären" genannt. Selbst im heutigen Zeitalter der Extrem-Laufveranstaltungen ist es schwer, diesen am Ende der Welt stattfindenden Marathon an Härte zu übertreffen, denn am Start wurden -20 Grad gemessen. Neben den Extrem¬temperaturen lauerte auch die Gefahr einer Begegnung mit Eisbären. Aus Sicherheits¬gründen mussten die 14 Teilnehmer in Gruppen laufen. Sechs Fahrzeuge dienten als mobile Begleiter und versorgten die Läufer mit Lebensmitteln, Getränken, Ersatzbekleidung und Elektroschockwaffen gegen Eisbären. Sven Henkes gewann das Rennen in der Siegerzeit von 4 Stunden und 14 Minuten.

Warum haben Sie an einem derart extemen Lauf-Event teilgenommen?

Eigentlich war es ein ziemlich spontaner Entscheid. Ich trainierte hart für den Berlin-Marathon im September, den ich unter 3 Stunden laufen wollte, was mir auch gelang. Dieser Erfolg und die verschiedenen davor gelaufenen Ultraruns bewogen mich, diesmal etwas Verrücktes zu versuchen. Gerade einmal zwei Tage nach dem Berlin-Marathon erwischte mich meine Frau beim Suchen nach einer neuen Herausforderung.

Wie sieht die Vorbereitung auf einen solchen Marathon aus?

Nach dem Berlin-Marathon musste ich die Intensität meines Trainings etwas drosseln. Allerdings habe ich nie bei wirklicher Kälte oder unter ähnlichen Bedingungen trainiert. Meine Erfahrungen beschränkten sich auf den Berliner Winter und die hier üblicherweise herrschenden Temperaturen von -10 bis -15 Grad.

Im vergangenen Winter trug ich drei Bekleidungsschichten und trainierte damit sehr gut. Ich kam zum Schluss, dass ich mit zwei weiteren Schichten ausreichend warm haben würde.

Während der Vorbereitung auf den Berlin-Marathon trainierte ich im Durchschnitt vier bis zehn Mal die Woche und lief dabei rund 90 Kilometer. Ich habe versucht, soviel Abwechslung wie möglich in mein Training zu bringen und Intervalltraining zu integrieren, um meine allgemeine Fitness zu ver¬bessern.

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Welches war der schwierigste Punkt im Rennen?

Im ersten Streckenteil hatten ich und mein Laufpartner überhaupt keine Probleme. Wir liefen dem Sonnenaufgang entgegen, führten interessante Gespräche und dachten immer wieder an die ver¬schiedenen Tiere wie Wölfe oder Eisbären, die unseren Weg kreuzen könnten. Nach ungefähr 20 Kilometern waren wir immer noch gut gelaunt und machten Witze. Das änderte sich aber schnell, als wir nach der Hälfte der Strecke wieder in die andere Richtung dem Ziel entgegenliefen. Durch den starken Gegenwind und den entsprechenden Windchill wurden aus gemessenen -26 Grad Luft¬temperatur gefühlte -41 Grad. Zu Beginn habe ich noch versucht, meinen Laufpartner aufzuheitern und ihn und mich selbst zum Weiterlaufen zu motivieren, aber meine Versuche waren erfolglos. Der Gegenwind raubte unseren Beinen jegliche Energie und wir mussten mental gegen die Schwierig¬keiten ankämpfen. Meine Brille beschlug sich bereits 500 Meter nach dem Start und gefror kurz darauf ein, so dass ich sie nur als zusätzlichen Windschutz auf meiner Mütze tragen konnte. Wegen des starken Windes begannen meine Augenbrauen langsam einzufrieren. Beim Weiterlaufen spürte ich, dass selbst meine Augenlider langsam einfroren und ich nicht mehr richtig sehen konnte. Zuerst glaubte ich, mir sei schwindlig, aber nachdem ich versucht hatte, die Lider durch Reiben aufzuwärmen, realisierte ich, dass sie nur eingefroren waren. Danach begann sich meine Sehkraft wieder zu normalisieren. Nach einer sehr "einfachen" ersten Marathonhälfte begannen die Schwierigkeiten also ab der Streckenmitte.

Haben Sie je ans Aufgeben gedacht?

Nein, nicht wirklich. Während der ersten Streckenhälfte lief ja alles sehr gut, erst auf dem Rückweg tauchten die Probleme auf. Ich musste meinen Laufpartner zurücklassen, da er sein Tempo drosseln musste und nur noch gehen konnte. Auf den letzten Kilometern war ich vollständig auf mich alleine gestellt. Jeder noch so kleine Hügel wurde zum schier unüberwindbaren Berg. Ich musste mir deshalb kleine Ziele stecken - das nächste Schild, der nächste Eisberg… Nur so konnte ich mich immer wieder motivieren und war schliesslich der erste Läufer, der die Ziellinie überquerte.

Wie haben Sie sich warm gehalten – was haben Sie während des Marathons getragen?

Ich wusste vom vergangenen Winter in Berlin, dass ich mit drei Schichten bei -15 Grad gut zurechtkam. Nun war ich aber mit -26 Grad, ja sogar mit einem Windchill von -41 Grad, konfrontiert. Ich beschloss also, zwei weitere Schichten überzuziehen und spezielle Windbreaker-Jacken zu tragen. In der Nacht vor dem Marathon zählte ich meine Kleidungsstücke und kam auf rund zwanzig! Insgesamt habe ich etwa fünf Schichten getragen.

Ich hatte zwar zusätzliche Kleider im Begleitfahrzeug, doch ich hatte nie das Gefühl, dass ich sie benötigen würde. Ich kam glücklicherweise ziemlich ins Schwitzen und der austretende Schweiss bildete eine Art Eisschicht über meinen Kleidern - was bei einigen anderen Läufern nicht der Fall war. Das hielt die Wärme zusammen.

Woran haben Sie beim Überqueren der Ziellinie gedacht?

Ich war einfach nur glücklich, das Ziel erreicht zu haben! Obwohl es sich um die für einen Marathon übliche Distanz handelte, fühlte es sich an wie 50 Kilometer. Ich wollte eigentlich ein Stück Kuchen essen, eine heisse Schokolade schlürfen und ein Bier trinken, doch zuerst musste ich dem kanadischen Fernsehen ein Interview geben. Ich war stolz auf meine Leistung.

Am eindrücklichsten waren für mich der einzigartige Zusammenhalt und die Stimmung unter den Läufern. Die Frau eines Mitläufers verkleidete sich als Eisbär und hiess uns im Ziel willkommen.

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Haben Sie bereits neue Pläne?

Das Rennen hat mir gezeigt, wozu mein Körper in der Lage ist, wenn ich mich auf etwas konzen¬triere. Ich nutze die Inspiration des Polar Bear Marathon für neue Herausforderungen im 2014. Nach einem Marathon in extremer Kälte möchte ich nun meine Grenzen testen und einen Marathon in extremer Hitze laufen.

Ich denke da an den Sahara Marathon in Algerien im Februar 2014.

Das Interview mit Sven Henkes fand in Berlin statt.